Systemische Kassenzulassung

Die #systemischetherapie befindet sich in der Zulassung als Kassenverfahren. Ende des Jahres soll es soweit sein.

Mich erreichen Glückwünsche und Anfragen, ab wann man bei mir über die #Krankenkasse abrechnen kann.

Eine kleine Einführung in das Problem:

Ich habe 5 Jahre Psychologie studiert, habe 3 Jahre promoviert, habe eine 2 jährige Lehrweiterbildung, eine 3 jährige Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutische Weiterbildung (zertifiziert), 6 Jahre (allein) therapeutische Berufserfahrung, diverse weitere mehrtägige Fortbildungen. Ich lehre seit 2006 Klinische Psychologie, (klinische) Diagnostik, Gutachtenerstellung etc. etc.

Auf meine Nachfrage, was und in welchem Umfang für eine Approbation (die Voraussetzung für die Kassenzulassung) meine bisherigen Qualifikationen anerkannt werden, war die Antwort: 200 Stunden.

To be klößchenbrühenklar: allein die Therapieausbildung bestand aus 1.080 Stunden. Kostete 7.500€.

200 Stunden Theorie würden mir anerkannt. Man könnte auch sagen „nichts“. Ich würde in der Folge für eine approbierte Systemische Therapieausbildung, deren Inhalte ich kenne und seit Jahren praktiziere, ca. 22.000€ zahlen. Dadurch, dass meine Arbeit in der Ambulanz dann wenigstens etwas vergütet würde, käme ich nach 3-5 Jahren vielleicht mit einem Nullsummenspiel davon.

Zusätzlich würde ich, da ich ja die klinische Zeit erst innerhalb des Ausbildungsvertrags ableisten dürfte, für umsonst in der Psychiatrie arbeiten, da es ja – dank Jens Spahn – keine Übergangsregelung für Psychotherapeutinnen in Ausbildung geben wird. 54% der PsychotherapeutInnen in Ausbildung leisten 1.800 Stunden unbezahlte Arbeit. Ca. 11% verdienen überhaupt über 1.200€ Brutto. Die 1.800 Stunden praktischer Tätigkeit in der Psychiatrie finde ich durchaus sinnvoll, soviel sei gesagt. Die Umstände sind jedoch unter aller Sau.

Wie finanziert man sich das nun?

Schaut man sich Studien zu diesem Thema an, finanzieren sich PsychotherapeutInnen in Ausbildung zu

  • 55,4% durch Nebentätigkeiten
  • 45,7% durch Ersparnisse (wie das geht, wenn man vorher studiert hat, weiß ich nicht)
  • 39,5% durch Ausbildungstätitgkeit
  • 35,7% durch die Eltern
  • 22,6% durch den Partner oder die Partnerin
  • 12,6% durch Darlehen
  • 10,3% durch sonstige Quellen
  • 1,3% durch Stipendien
  • 0,7% durch Bafög

(Mehrfachnennungen möglich.)

Hier wird ganz oft über die Motivation argumentiert: Wenn man das wirklich werden will, dann nimmt man diese beschissenen Bedingungen in Kauf. Ist es das, was wir unseren KlientInnen vermitteln wollen? Dass man für seine Überzeugung alles machen sollte?

Ich will das nicht. Ich finde nicht, dass man alles in Kauf nehmen muss. Ich finde nicht, dass es ein Mangel an Überzeugung ist, wenn man nicht bereit ist, diesen Weg zu gehen. 

Ich finde es abenteuerlich bis abscheulich, dass wir es in 20 Jahren fachpolitisch nicht geschafft haben, diese Bedingungen zu verändern. 

Ich liebe meinen Beruf. Wirklich. Ich hätte auch gerne eine Kassenzulassung. (Also so in den Träumen, in denen ich verdränge, dass das auch ziemlich ätzende Seiten hat).

Aber ich hatte und habe immer noch kein Geldscheißerlein in meinem Keller, was es mir erlaubt 20.000€ auszugeben, nur Einnahmen zu haben, die gerade die Kosten decken und keine lebenserhaltenden Einnahmen für mindestens 3 Jahre zu haben. So richtig winzig gerechnet würde mich das also locker 50.000€ kosten. Leben würde ich ja weiterhin. Ich und meine 4-köpfige Familie.

Dat is Deutschland. Da braucht man für jeden Furz nen anderen Zettel. Großartig gelöst. Oder wie sagte Jens Spahn so schön „Die wussten ja, worauf sie sich einlassen!“ Tjoa. Danke für die Blumen.

Da ich weiß, worauf ich mich einließe, wird das wohl nicht passieren.

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Gerstenberg,

    als Student beschäftigen mich natürlich genau die gleichen Gedanken. Mir wird ganz bange, wenn ich überlege eine derartige Ausbildung vielleicht absolvieren zu wollen. Nicht wegen dem Wollen selbst, sondern wegem dem Nichtkönnen, wegen BAföG-Schulden, wegen keiner Rücklagen (woher auch?), wegen des Nullsummenspiels an sich – was schon genug Idealismus bräuchte – aber auch wegen der Tatsache, dass das verkaufte Nullsummenspiel keines ist, weil man eigentlich auch den Verdienstausfall berücksichtigen müsste.

    Dabei wäre es ja ausreichend, wenn man sich immerhin halbwegs abgesichert wüsste – so nach einem fertigen Masterstudium, vielleicht noch mit NC-Wartezeit und dann gar nicht mal mehr ganz so blutjung (kann ja alles schnell passieren).

    Dabei geht es ja nur um ein gesichertes Einkommen, nicht um riesige Ansprüche. Aber das Thema ist so alt – Sie sagen es.

    Was ich Ihnen aber eigentlich auch noch gerne sagen wollte: Ich habe Sie als Student sehr geschätzt. Sie waren und sind eine hervorragende Dozentin und ihre Vertretungsvorlesung 17/18 war der Hammer! Schade, dass wir Sie nicht mehr vor Ort haben! Aber wie wunderbar, dass ich Ihre Beiträge hier gefunden habe.

    Herzliche Grüße aus Tübingen 🙂

    Ein Student ohne “-in”
    (die Identifikationschancen exponentieren sich dadurch erheblich, aber zum Glück gibt es ja noch ein paar männliche Studenten, sodass Anonymität gegeben ist *puh*)

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    1. Lieber Student ohne “-in”, das ist ja eine wunderbare Überraschung (eher bezogen auf den letzten Teil des Kommentars!). Zum ersten Teil: Ja, das ist wirklich bitter und ich hoffe so sehr, dass es doch noch eine Übergangslösung geben wird. Die Suche nach einer bezahlten Stelle ist sicherlich auch vernünftig, will heißen: Halten Sie gut die Augen offen.

      Herzlichen Dank auch für das Feedback. Die Vertretung in Tübingen hat mir auch sehr viel Freude bereitet und Sie gehören zu einem so interessierten und offenen Semester.

      Herzliche Grüße aus Esslingen
      Friederike Gerstenberg

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