#markuslanz 30. Mai 2019

Am 30.5.2019 lädt die Redaktion von Markus Lanz eine – gelinde gesagt – merkwürdige Truppe zum Diskurs. Unter ihnen unser Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der Theologe und Psychiater Manfred Lütz und die Journalistin Kristina Dunz von der Rheinischen Post.

Wahrscheinlich haben 1,6 Millionen Menschen diese Sendung gesehen und sind nun in Punkto Berichterstattung über psychische Erkrankungen ein wenig dümmer statt schlauer.

Es geht gleich los:
Neeee, Jens Spahn hat das Video von #Rezo nicht ganz gesehen. Nur mal so duchgezapped. Zur #Meinungsmache reicht das aus. #Respekt sieht anders aus. 
Neee, also dieses Wort „#Zerstörung“, sagt die #RP Journalistin, dass könne man nicht verwenden, das wäre ja überhaupt nicht angebracht. 
Neee, das sei zwar #neudeutsch, aber wir bleiben lieber bei unseren alten Worten. Bei diesen alten Worten, wie dem „Sarotti Mohr“?

Neee, es braucht keine neuen #Kassensitze für #PsychotherapeutInnen, sagt der Herr Professor Lütz, weil wenn man mal so eine Krise hat, weil einen der Mann verlässt, dann braucht man halt ne gute Freundin, die man auch nachts mal anrufen kann. Is klar. Mal ganz abgesehen davon, dass es etwas befremdlich ist, wenn der alte, weiße Mann Lebenskrisen den Frauen in die Schuhe schiebt, #Psychotherapie ist nur was für die richtig Kranken. Also die, die schwere #Depressionen haben. Aha.

Dass psychosoziale Faktoren wie beispielsweise Lebenskrisen Depressionen auslösen können? Naaaaa? Herr Prof??????? Dass es nun wieder 1,6 Millionen Menschen gibt, die entweder denken, dass so eine Scheidung keine psychischen Krisen auslösen kann oder, dass es 1,6 Millionen Menschen gibt, die denken, dass das keine Krise ist, spielt keine Rolle. Es widerspricht ihm ja auch niemand. Wer denn auch? Sie sind sich ja alle einig.

Neeee, also ich will hier gar nicht über die psychische Erkrankung meines Vaters sprechen, sagt der #Spahn. Das sei ja ein #Einzelfall. Und den könne man ja in seiner #Biographie nachlesen. (Anmerkung der Redaktion: der Mann ist zarte 39 Jahre alt… ich bin irgendwie neidisch und plane gerade meine eigene Biographie…) Was seinem Vater denn geholfen habe? Na, dass die #Familie das enger zusammengebracht hat. Oh, wie schön. So richtig entstigmatisierend. Soll ja extrem hilfreich sein, so eine tolle Familie. Ich warte noch auf den Tag, an dem ein Politiker mal die ihm gestellten Fragen wirklich beantworten wird. Was hatte denn ihr Vater? Keine Antwort. Kauft das Buch, dort könnt ihr es nachlesen. Was hat ihrem Vater denn geholfen? Keine Antwort. Kauft das Buch, dann wisst ihr, was es mit mir gemacht hat?

Neeee, wenn man mehr #Kassensitze schafft, dann sind irgendwann alle #Deutschen therapiert und alle PsychotherapeutInnen arbeitslos, sagt der Herr Professor Lütz. Eh klar. Wir behandeln a) die falschen, also die Pseudokranken Ex-Ehefrauen und nicht die wirklich psychisch Kranken – was natürlich nur die Ärztlichen PsychotherapeutInnen beurteilen können, weil die ja auch eventuelle körperliche Erkrankungen ausschließen können. Konsiliarbericht? Schon mal gehört?

Und wir behandeln b) die Falschen, weil es kein gestuftes Verfahren gibt – da wären sich der Herr Spahn und der Herr Professor Lütz ja einig gewesen – bei dem die Ärztlichen PsychotherapeutInnen entscheiden, was überhaupt psychisch krank ist und dann an die – ich nenne es mal – minderbemittelten Psychologischen PsychotherapeutInnen weiterverweisen. Aha. Das wäre also der bessere Weg: Weil, dann nur noch die richtig Kranken Psychotherapie bekommen und die anderen wieder ihre FreundInnen anrufen. Na dann. Vielen Dank für das Gespräch.

Ein paar Tage nach der Ausstrahlung dieser Polit-Show schießen die stigmatisierenden Kommentare also wieder wie die Pilzchen aus dem Boden: „Für die wirklich schweren Fälle gibt es keine psychotherapeutischen Plätze, weil mittlerweile jeder mit irgendwelchem Kleinscheiss zum Psychotherapeuten rennt.“ So oder so ähnlich tönt es nun in den Medien und sozialen Netzwerken und ich sage es ganz ehrlich: ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen will.

Zu den durchschnittlich 5 Monaten Wartezeit, zu dem monate- bzw. manchmal jahrelangen Selbstbefragen, zu den Selbstzweifeln, zu dem qualvollen Aushalten, kommt jetzt mal wieder die Online-Schelte. 
Vornehmlich natürlich von Menschen, die entweder noch nie eine wirkliche Krise hatten oder von den Menschen, die es ohne Hilfe geschafft haben und sich das Wort „traumatic growth“ ausgedacht haben oder von dem einen „Experten“, der so putzig in seinem Sesselchen sitzt, erreichbar, massentauglich und eloquent und den man dann immer und immer und immer wieder einlädt, obwohl er oder gerade weil er eine ganz klare, polemisierende Meinung vor sich her trägt, die die meisten seiner KollegInnen nicht teilen.

Auch wenn der Eindruck entstanden ist:

PsychotherapeutInnen sind keine SchönheitschirurgInnen für die Seele, die sich mit den Luxusproblemen dieser Gesellschaft herumschlagen. Das machen die Coaches schon ganz gut.

Wie gut, dass sich die Berufsverbände und PsychotherapeutInnenkammern gleich zu Wort gemeldet haben und das alles in einer 11-seitigen Stellungnahme richtig gestellt haben. Haben sie nicht? LOL. Echt nicht?

Nein. Haben Sie nicht. Schade schade Marmelade.

Muss ich es eben nochmal sagen:

Berichterstattung sieht anders aus. Diskussionskultur sieht anders aus. Eine ausgewogene Runde aus „Expertinnen“ sieht anders aus. Und hier haben wir wieder diesen Punkt an dem ich mal ganz deutlich sagen will: Öffentlichkeitsarbeit für psychische Erkrankungen kann ganz schön nach hinten losgehen, wenn man keine Ahnung aber ne Meinung hat bzw. eigentlich eine Ahnung haben könnte und eine behämmerte Meinung als „Expertise“ verkauft.

2 Kommentare

  1. Tja, der Herr Lütz; ich habe schon vor Monaten auf einen Gastkommentar im Spiegel von ihm reagiert und diesen über Twitter wenigstens ein bisschen verteilt: https://blog.stefan-baier.de/2019/03/26/nur-schwer-krank-ist-wirklich-krank-manfred-luetz-laesst-die-welt-einmal-mehr-teilhaben-an-seinem-ganz-eigenen-verstaendnis-psychischer-krankheiten/

    Bei Lanz hatte ich ihn nicht gesehen, gut so, ich hätte mich nur geärgert…

    Stefan Baier

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