Diagnostik von „Hoch“-Sensibilität

Tja. Was soll ich sagen. Nunja. Ihr ahnt es bestimmt schon:

Hochsensibilität diagnostiziert kein Arzt und kein Apotheker, kein Psychologe und kein Psychiater.

Hochsensibilität wird selbst diagnostiziert. 🤷🏻‍♀️ Mit einem Fragebogen. Das ist objektiv richtig. Und das misst vielleicht sogar genau (also reliabel), aber was misst der denn?

Hochsensibilität basiert ja auf der Idee, dass es eine klare biologische Fundierung gibt. D.h. in der ursprünglichen Publikation von Aron und Aron, also der Basis für die HS wird sehr viel biologische Herleitung für das psychologische Konstrukt verwendet. In Studie 1 befragen sie dann 35 Psychologiestudierende nach Wahrnehmungsunterschieden und Sensibilitäten. Diese hatten sich selbst für eine Studie zu diesem Konstrukt gemeldet. ☝️ Es wurden nicht alle Psychologiestudierenden des Semesters befragt. Da kann man schon mal nachfragen „wen interessiert dieses Konstrukt“? Selbstselektion.

Die AutorInnen entwickeln darauf hin wie folgt und in aller Kürze einen Fragebogen:

Studie 2: 319 Psychologiestudierende werden mit dem neuen Fragebogen befragt.

Studie 3: 285 Psychologiestudierende werden befragt.

Studie 4: Ca. 300 Menschen einer telefonischen Umfrage. 18% der überhaupt Angerufenen.

Studie 5: 119 Psychologiestudierende wird der fertige Fragebogen gegeben und weitere Persönlichkeitsfragebogen.

Studie 6: 172 Studierende.

Studie 7: 109 Studierende.

Am Ende wird gesagt: da habt ihr ihn. Das Maß für Hochsensibilität. Er überschneidet sich zwar mit Introversion und Emotionalität und wir haben keine einzige Studie zu wirklichem Verhalten mit wirklichen Menschen gemacht, aber naja 🤷🏻‍♀️ egal. Wird ja trotzdem in einer hochrangigen Fachzeitschrift publiziert.

And that‘s the beginning.

Als ich ca. 10 Jahre später anfange mich mit dem Thema wissenschaftlich zu befassen, weigern sich die „HS“ Vereine und Selbsthilfegruppen…

#amazing 😉

Und so wird gefragt um HS zu diagnostizieren:

1. Fühlen Sie sich von intensiven Außenreizen leicht überwältigt?

2. Bemerken Sie Feinheiten in Ihrem Umfeld?

3. Beeinflussen Sie die Stimmungen anderer Menschen?

4. Sind Sie schmerzempfindlich?

5. Wollen Sie sich an Tagen, an denen viel los ist, in ihr Bett oder einen abgedunkelten Raum oder irgendeinen anderen Platz zurückziehen, an dem sie für sich und gegen Außeneinflüsse abgeschirmt sein können?

6. Reagieren Sie sensibel auf die Effekte von Koffein?

7. Sind Sie leicht von intensiven Außenreizen (grellem Licht, starken Gerüchen, grobem Stoff, nahen Polizei- oder Rettungswagensirenen) zu überwältigen?

8. Habe Sie ein reiches und vielschichtiges Innenleben?

9. Ist Ihnen Lärm unangenehm?

10. Bewegen Sie bildende Kunst und/oder Musik tief?

11. Fühlen Sie sich manchmal so genervt, dass Sie die Situation sofort verlassen müssen?

12. Sind Sie gewissenhaft?

13. Erschrecken Sie leicht?

14. Bringt es Sie durcheinander, wenn Sie in kurzer Zeit viel zu erledigen haben?

15. Wenn andere sich in einer Umgebung unwohl fühlen, wissen Sie was Sie ändern müssen (Licht, Sitzgelegenheiten), damit diese sich wieder wohlfühlen?

16. Ist es Ihnen lästig, wenn gleichzeitig verschiedene Dinge von Ihnen verlangt werden?

17. Strengen Sie sich an, keine Fehler zu machen und nichts zu vergessen?

18. Vermeiden Sie gewalthaltige Filme und Fernsehen?

19. Ist es Ihnen unangenehm, wenn um Sie herum sehr viel Trubel herrscht?

20. Hat starker Hunger große Auswirkungen auf Ihre Konzentrationsfähigkeit oder Laune?

21. Bringen Sie Veränderungen in Ihrem Leben durcheinander?

22. Bemerken und genießen Sie feine Gerüche, Geschmäcke, Musik und Kunst?

23. Ist es Ihnen unangenehm, wenn um Sie herum viel los ist?

24. Bemühen Sie sich Ihr Leben so einzurichten, dass Sie aufregende oder überfordernde Situationen (Überstimulation) vermeiden können?

25. Stören Sie laute Geräusche und verstörende Ansichten?

26. Bringen Sie schlechtere Leistungen, wenn Sie sich in einer Wettbewerbssituation befinden oder beobachtet fühlen?

27. Haben Ihre Eltern oder Lehrer Sie als Kind für sensibel oder scheu gehalten?

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Fragebogen. Bin ich jetzt nur zu egozentrisch, aber sollte nicht jedes menschliche Wesen nach diesem Fragebogen als hochsensibel gelten? Wie genau wird ein solcher Fragen denn ausgewertet? Wie schon im vorrigen Kommentar nützt eine solche Selbststigmatisierung vielleicht einigen bei der Selbstreflexion. Stimmt es eigentlich, dass intelligentere Menschen häufig sensibler sind? Und wenn ja, wie ist das zu erklären?

    Liked by 1 person

    1. Ne, Du bist nicht egozentrisch. Die Fragen sind nicht „trennscharf“, d.h. es gibt mit Sicherheit eine hohe falsch-positiv Rate. Da ändert auch die Auswertung nichts dran. Die Fragen werden dann noch auf Subskalen verteilt. Aber das Maß an sich ist einfach Murks. Meine Kritik bezieht sich auch weniger auf die Menschen, die diesen Test machen und dann denken, dass sie hochsensibel sind, sondern viel mehr auf die diagnostisch irrelevanten Fragen.

      Es gibt einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Depression: je intelligenter, desto wahrscheinlicher, dass man irgendwann mal eine depressive Episode erlebt.
      Ohne viel Schnickschnack lässt sich das darüber erklären, dass Intelligenz ja Verarbeitungskapazität ist. Und wenn Menschen über mehr nachdenken, dann fallen ihnen natürlich auch mehr Dinge auf, die vielleicht nicht optimal laufen.

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      1. Vielen Dank. Habe gestern gelesen, dass Depressionen das Leben verkürzen. Das sind ja mal optimistische Gedanken an den Feiertagen.

        Welche Fragen findest du denn diagnotisch irrelevant?

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  2. Hallo Frau Gerstenberg,
    ich habe vor einigen Jahren das Buch “The highly sensitive person” von Elaine Aron gelesen (im englischen Original) und empfand es als ein sehr fundiertes und erhellendes Buch. Es beschreibt das Phänomen der Hochsensibilität viel differenzierter und reichhaltiger als ein Fragebogen dies könnte, und in dieser Beschreibung habe ich mich vielfach wiedergefunden. Dies fand ich sehr hilfreich für mein Selbst-Verständnis.

    Über die Studie, die Sie hier anführen, kann ich nichts sagen, da ich sie nicht gelesen habe. Vielleicht ist ja der Fragebogen wissenschaftlich fragwürdig. Und sicher wurde dieses Konzept oder Konstrukt der Hochsensibilität in der Folge völlig überstrapaziert und verdreht. Und doch hat für mich diese “Beschreibung” menschlicher Unterschiede ihre Berechtigung und Relevanz. Es irritiert mich, dass Sie so abschätzig darüber schreiben (und beziehe mich auf die drei Beiträge zum Thema).

    Schönen Gruß,
    Vera K.

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    1. Hallo Frau K.,

      Danke für den Kommentar. Zunächst gehören Sie wahrscheinlich zu sehr wenigen Menschen, die das Original-Buch überhaupt gelesen haben. Das Buch ist gut geschrieben und wissenschaftlich fundiert. Nur ist nach wie vor diagnostisch fraglich, was das genau ist „Hochsensibilität“. Aron und Aaron postulieren ein neues Konstrukt. Das muss aber auch messbar sein und so wie sie es vorschlagen ist es nicht messbar, da es durch viele andere Konstrukte „verunreinigt“ ist. Da beißt sich also die Katze in den Schwanz. In der Forschung hat es daher fast keine Resonanz gegeben, weil es so nicht messbar ist und es anscheinend außer Aron und Aron und ForscherInnen in ihrem Dunstkreis niemanden gibt, der das wirkliche erforschen will. Ich nehme mich da jetzt bewusst mal raus, weil ich genau das getan habe.
      Aus irgendeinem Grund ist dann dieses Konstrukt von der breiten Öffentlichkeit sehr gut angenommen worden. Der Seminar- und Buchmarkt ist gewachsen und blüht und gedeiht. Kritische Stimmen gibt es nicht, oder besser gesagt: hier haben Sie eine gefunden. Ich werte nicht die Menschen ab, die Hochsensibilität als Erklärungsmöglichkeit für ihre Erlebenswelt heranziehen. Sie können es gar nicht wissen, dass dieses Konstrukt empirisch nicht messbar und damit nicht gut belegt sein kann. Aber ich sage ganz klar, dass dieser Test genau aus diesem Grund keine Aussage darüber trifft, ob die Person „hochsensibel“ ist. Wenn Sie das als abwertend empfinden tut mir das leid.

      Freundliche Grüße

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