Hochsensibilität?

Kuddelmuddel.

Ganz ehrlich, ich blicke es nicht mehr. Hier sprechen Menschen von Hochsensibilität, Schüchternheit, Ängsten, Zwängen etc. ungefähr so differenziert wie wenn ich am Büdchen ne Tüte „Gemischtes“ bestellt habe.

Da wird alles mögliche zusammengeworfen und dann einfach so weiterverwendet, wie es einem gefällt. Da lese ich von einer Autorin mit „extremer Schüchternheit“ und während ich so lese, denke ich, dass das Ge- und Beschriebene eigentlich nichts mit extremer Schüchternheit, sondern vielmehr mit einer Sozialen Phobie zu tun hat. Ja, das mag für den Laien alles zusammenhängen: Schüchternheit, Introvertiertheit, Hochsensibilität – und das sind die „Netten“ Varianten von dem, was hier so vorgestellt wird. Die, mit denen man ordentlich in den Vordergrund kommt, denn über die Schattenseiten, also die richtigen, nicht die, dass man ach so verletzlich ist, wenn man sich diese auch einmal anschaut, dann bedeutet „Hochsensibilität“ auch „Überempfindlichkeit“ und das heißt auf psychologisch „neurotisch“.

Da wird das Label „Hochsensibilität“ verwendet, als wäre es ein Duft aus der einer Haut Couture Linie. Neuerdings ist alles und jeder „hochsensibel“. Und damit sind auch alle und jede Beziehung, die man so zu anderen Menschen hat und führt „toxisch“. Oder eben von extremem Harmoniebedürfnis und unendlichem Weichmaler geprägt.

Immer wieder, wenn so ein psychologischer Begriff vom „Zeitgeist“ abgegriffen wird, wird es mir übel. Reicht es nicht mehr aus „sensibel“ zu sein? An der Sensibilität auch zu arbeiten, nicht alles direkt und ohne Schutz zu empfinden, sondern vielleicht, ganz vielleicht auch an seinem „Neurotizismus“ zu arbeiten?

Eine ganz neue Studie aus der Arbeitsgruppe von Maike Luhmann, die schon, seit ich sie kenne, zum Thema „Einsamkeit“ forscht, zeigt, dass vor allem Menschen, die hoch-neurotisch sind einsam sind. Das könnte einem mit Bezug auf die so hochgelobte Hochsensibilität vielleicht auch zu denken geben.

Ganz generell glaube ich nicht, dass es eine besonders gute Idee ist, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften überzubetonen bzw. Überzubewerten bzw. Um jeden Preise aufzuwerten. Ich glaube nicht, dass die ganzen selbst-diagnostizierten „Hochsensiblen“ sich einen Gefallen damit tun. Genauso wenig, wie sich die ganzen Allzeit-Dauer-Leistungsmotivierten oder die Super-Hyper-Extrovertierten einen Gefallen damit tun.

Seid doch mal wieder sensibel. Das würde doch an der ein oder anderen Stelle reichen.

8 Kommentare

  1. Die Bedeutungsgehalte dieser Begrifflichkeiten auszuquetschen gibt vielen Halt und Orientierung und auch Rechtfertigung für Ihre Marotten, die mit der selbst gestellten Diagnose an sich nichts zu tun haben müssen.

    Durchaus amüsant, hier die paradoxe Intervention einzuleiten und einer ‚betroffenen‘ Person von bekanntermaßen geliebtem abzuraten, da das ja ‚nichts für sie sei mit ihrer Krankheit‘. Das setzt zudem bisweilen den Besserungsprozess in Gang.

    Gruß
    Lion

    Gefällt 1 Person

  2. Die Welt wird immer komplexer und es wird immer schwieriger mitzuhalten. Es ist also nicht verwunderlich, wenn man in so einer Welt versucht sich selbst zu ettikitieren um sagen zu können, ich bin nicht krank, sondern nur normal, wenn ich mit dem kranken System nicht zu recht komme.

    Gefällt 3 Personen

  3. Hallo Friederike,

    toller und kritischer Beitrag!

    Zwei Dinge möchte ich dazu schreiben:

    Zum einen, und das verneinst du in deinem Beitrag ja nicht, gibt es die echte Hochsensibilität. Mein Mann ist ein Beispiel dafür. Er hat sein Gehör untersuchen lassen und der Arzt bestätigte ihm, dass der Ausschlag seines Hörnervs extrem und deutlich sensibler ausfällt, als es beim Durchschnitt der Fall ist.

    Zum anderen bin ich eine derjenigen, die sich selbst als hochsensibel bezeichnet – ohne, dass ich damit hausieren gehen würde. Ich habe mich eine Zeit lang sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, war in Foren unterwegs. Nachdem ich dort aber immer mehr den Eindruck gewann, das HS zur Ersatzreligion erhoben wird, habe ich mich dort zurückgezogen.
    Was heißt HS für mich? Ich sehe sensibler als der Durchschnitt – wird mir auch immer wieder im Austausch mit anderen bestätigt. Und ich beziehe auch einige innere Vorgänge auf meine HS. Dabei ist mir bewusst, dass HS nur eine Bezeichnung ist, und diese inneren Vorgänge fließend auch darüber erklärbar sind, dass ich eine diagnostizierte rezidivierende Depression habe und nicht besonders stressresistent – also neurotisch – bin.
    Ich muss aber für mich sagen, dass ich besser auf mich achten kann, wenn ich mich in Gedanken hochsensibel nenne, als neurotisch. Denn auch, wenn neurotisch ein „neutraler“ psychologischer Begriff ist und ich selbst kein Fan von Stigmatisierung bin (im Gegenteil), habe ich bei dem Begriff „Neurotisch“ immer eine (achtung, Klischee) Hausfrau aus den 50ern vor Augen, die hysterisch wird, weil ihr Ehegatte keinen Untersetzer benutzt – und sich bloß anstellt, nicht zusammenreißt. Wenn ich aber denke, dass dieses und jenes sich so anfühlt, weil ich hochsensibel bin, kann ich mir besser erlauben, auf mich zu achten. Das heißt nicht, dass ich mich nicht auch herausfordere und mich der HS „unterwerfe“. Es fühlt sich im Innen einfach besser an.

    Das sind meine Gedanken zu dem Thema…

    lg Flügelwesen

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebes Flügelwesen! Danke für das Teilen Deiner ausführlichen Gedanken! Ich kann nun „ja“ schreiben! Ja, natürlich gibt es biologische Fundierungen und auch Unterschiede und die lassen sich auch messen – genau wie bei deinem Mann. Sie lassen sich messen, aber meines Erachtens nach nicht mit dem gängigen Hochsensibilitätsfragebogen.

      Und dann gibt es natürlich auch die „innerliche“ Handhabung – d.h. genau zu sehen, wo bin ich emotional ansprechbar oder vielleicht auch manchmal über-ansprechbar. Der Fragebogen um HS zu messen misst für mich nur leider nicht HS, sondern eine eigentlich sehr gesunde Art von Sensibilität. Eine Art von Sensibilität, die ich jedem Menschen wünschen würde. Das „hoch“ sensibel entsteht ja durch eine Vielzahl weiterer Faktoren, z.B. Biologische Prozesse, Avitaminosen, Traumata, epigenetische Veränderungen usw. und genau dieses „hoch“ kann so einfach nicht gemessen werden.

      Herzliche Grüße
      Friederike

      Gefällt 2 Personen

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