Diagnosen

Am Anfang steht der Mensch. Der Mensch oder das Menschlein mit seiner ganz persönlichen Geschichte und aktuellen Situation. 


Diagnostik ist für mich theoriegeleitete, systematische Sammlung von hochwertiger Information, die in einer Arbeitshypothese namens „Diagnose“ mündet. Diese Arbeitshypothese erlaubt es mir gezielt Bewahrenswertes zu bewahren und an Unerwünschtem zu arbeiten. Und sie bedeutet auch, dass ich bereit bin eine Diagnose zu verändern, wenn sie nicht mehr zuzutreffen scheint bzw. ich auf Basis der verfügbaren Informationen keine Diagnose stellen kann. 


Für mich ist die Diagnose der Zwilling der Theorie, also des breitgefächerten, aber auch spezialisierten Wissens über klinische Verläufe auf der Basis unterschiedlicher Modelle. Dazu gehören für mich nicht nur psycho-soziale, sondern auch biologisch fundierte Modelle.


Es geht nicht um die willkürliche Testung und Sammlung „irgendwelcher“ Information, sondern um eine informierte und nach bestem Wissen und Gewissen durchzuführende Arbeit. Ob und wann dafür Testverfahren notwendig sind, variiert.

Das Ablehnen von Diagnosen bzw. die „schnelle, mal eben“ Diagnostik ist für mich in der Praxis sehr oft mit mangelnder Kenntnis und mangelhafter diagnostischer Ausbildung anzutreffen und hat nichts mit fundiertem klinischem Wissen zu tun.

Und dort mache ich so manchem Systemischem Institut einen Vorwurf: Es geht nicht darum, keine Diagnosen zu stellen. Man kann nur Diagnosen „auflösen“, wenn man vorher überhaupt eine fundierte Theorie hatte bzw. weiß, wie man überhaupt eine Diagnose im Prozess erstellt. 


Die BegründerInnen der Systemischen Therapie waren keine schlecht ausgebildeten Diagnosen-HasserInnen, sondern bestens ausgebildete Menschen, die in einer Zeit lebten, als der Arzt noch einem “Gott in weiß” gleich kam. Und eine Diagnose oftmals einer “Todesmitteilung” gleich kam. 

Diagnosen müssen erklärt werden und zwar so, dass Menschen sie verstehen. 

Es war und ist ein berechtigtes therapeutisches Mittel Diagnosen aufzulösen, es war und ist aber auch ein therapeutisches Mittel Diagnosen zu stellen und es gibt Menschen und Menschlein, für die das eine oder das andere die Welt bedeutet. Manchmal auch in Form von Leistungen durch unser Gesundheitssystem.

Die Systemische Therapie wird bald zu einer Kassenleistung werden. Dies gilt aber nur für approbierte KollegInnen, die eine umfassende zusätzliche Ausbildung in Klinischer Diagnostik einschließlich langer Praxisphase und abschließender staatlicher Prüfung absolviert haben. Und genau das finde ich sehr richtig!

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