Marie Kondo und die Lücke

Zugegebenermaßen prangere ich gerne, und oftmals sehr emotional, die Missstände unserer Gesellschaft an, lege den Finger auf die Wunde, aber hole kein Pflaster. So ging es mir bei einem kürzlich erschienen Artikel bei EditionF. In diesem wurde über das von Marie Kondo in der dazugehörigen Netflix-Serie erzeugte „Frauenbild“ geschimpft. Wieder hinge alles nur an den Frauen, die Männer wären außen vor usw. usw.

Der Stil erinnert mich an meinen: Finger auf die Wunde. Pflaster wurden keine gereicht. 

Finger auf die “Wunder”. Ich kehre vor meiner eigenen Tür und gelobe Besserung. Aber zurück zur Sinnsuche. Ist es nicht ein Wunder, dass so eine Marie Kondo ein Aufräumbuch schreibt, Jahre später eine eigene Netflix-Dokumentation, dass in sehr vielen Insta-Feeds auf einmal entrümpelt, verscherbelt, gespendet und gefaltet wird? Ist es nicht ein Wunder, und keine Wunde? Zeigt das nicht, neben dem Frauenbild (,dass ich in der Serie by the way nicht erkennen konnte) etwas ganz anderes? Zeigt es nicht, wieviele Menschen auf Sinnsuche sind? Wieviele Menschen den Konsum als sinnhaft erlebt haben und nun langsam aufwachen und merken: Hey, das macht mich ja gar nicht wirklich glücklich. Zeigt es nicht überaus deutlich, dass therapeutisches Shopping: Ich versuche mir Glück zu kaufen – nicht nur nicht funktioniert, sondern auch frustriert und deprimiert?

Ja, sie hinterlässt eine Lücke. Da wo vorher viel war, ist danach weniger und das weniger ist besser aufgeräumt. Aber sie hinterlässt noch eine viel größere Lücke. Eine Lücke, in die eventuell „Lebenssinn“ passen würde. Vielleicht hinterlässt sie eine gute Lücke, eine die den Menschen zeigt, „Hey, da fehlt was, da passt noch was hinein, was könnte das sein?“. Eine kürzlich erschienene wissenschaftliche Studie (Geiger et al., 2018) Zusammenfassung bei Psychologieheute) zeigt, dass achtsame Menschen nicht weniger oder mehr konsumieren als Menschen, die nicht achtsam sind. Auch das ist kein Wunder:

Achtsamkeit beschäftigt sich nicht mit Produktionsbedingungen, Tierhaltung, Konsum.

Achtsamkeit ist eine Möglichkeit stärker im Hier und Jetzt anstelle des Gestern und des Übermorgens zu leben. Achtsamkeit schließt die Lücke zwischen Gestern und Morgen. Ganzheitlich betrachtet, passt Achtsamkeit wunderbar in die Lücke im Kleiderschrank. Achtsamkeit passt da rein, Sinnsuche passt da rein, Bewusst-Sein passt da rein. Ich rede hier nicht von Optimierungswahn, ewiger Glückseligkeit oder sonst irgendeiner anderer Sucht oder einem Suchtmittelersatz. Ich rede von Sinn. Marie Kondo zeigt mir, dass viele Menschen auf Suche nach dem Sinn sind.

Und dabei benutzen  sie vielleicht das Ausschlussverfahren: Konsumverzicht bringt keinen Sinn, Achtsamkeit alleine bringt keinen Sinn. Aber sie sind vielleicht zusammengehörige Puzzleteile. Kleine Teile, die in der Summe mehr ergeben, vielleicht ein kleines Wunder und keine Wunde.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s