Dumme und Intelligente, Charles Bukowski

„Das Problem mit der Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.“

Es gibt wenige Zitate, die nicht nur klug daherkommen, sondern auch wissenschaftlich untermauert werden können. Der Ausspruch von Charles Bukowski wird in der Psychologie als „Dunning-Kruger-Effekt“ bezeichnet. Justin Kruger und David Dunning konnten in ihren Studien nachweisen, dass weniger kompetente Menschen:

  1. ihre Fähigkeiten häufiger überschätzen, als kompetente Menschen.
  2. aufgrund ihrer eigenen Inkompetenz bessere Fähigkeiten anderer nicht erkennen können.
  3. durch Wissenserwerb und Übung ihre eigene Kompetenz und ihre Kompetenz bzgl. der korrekten Einschätzung Anderer steigern können. 

Der Dunning-Kruger-Effekt ist in der Psychologie hochrangig publiziert (das Journal of Personality and Social Psychology ist quasi die beste, hochrangigste und von Persönlichkeits- und SozialpsychologInnen am meisten gewertschätzte (und gelesenste) Fachzeitung), was in diesem Fall auch für seine Qualität spricht.

Der zweite Teil des Bukowski-Zitates, dass „die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.“ lässt sich über den Dunning-Kruger-Effekt also relativ gut erklären. Die Selbstzweifel der Intelligenten wurden nie untersucht, aber wenn man sich ansieht, was auf dem Coaching- und Psychomarkt los ist, dann kommt man vielleicht intuitiv zu dem Schluss, dass vor allem die weniger kompetenten Menschen keine Skrupel haben, für viel Geld ihr wenig fundiertes Wissen an den Mann oder die Frau zu bringen. 

Wie kommt es, dass es scheint als würden die weniger kompetenten Menschen die meisten Psycho- und Coaching-Angebote machen?

Eine Erklärung für das Phänomen ist: der Dunning-Kruger-Effekt. Aber nicht nur. Der unglaublichen Blüte des Coaching-Marktes liegen viele Faktoren zugrunde. Nicht zuletzt der Rückzug oder die Ignoranz der wissenschaftlich tätigen PsychologInnen, die einer Spezies Mensch den Markt überlässt, die gerne und viel die psycholgischen Forschungserkenntisse nutzt und ausweidet – dies aber weder besonders fundiert tut, noch mit redlichen Absichten. (Aber dazu äußere ich mich ein anderes Mal).

Wie kommt es also, dass die weniger kompetenten, aber skrupelloseren Menschen so viele Psycho- und Coachingangebote machen und dafür bezahlt werden? Ein Teil davon ist deren Spiel mit der „Ambiguitätstoleranz“ des Menschen. Das komplizierte Wort bedeutet zu deutsch „Unsicherheitstoleranz“ oder auch „Ungewissheitstoleranz“. Ambiguitätstoleranz (Frenkel-Brunswik, 1949) setzt sich zusammen aus dem lateinischen „ambiguitas“ = Zweideutigkeit und „tolerare“ = erdulde, ertragen. Ambiguitätstoleranz bedeutet, dass eine Person in der Lage ist unterschiedliche oder mehrdeutige Informationen und Widerspüchlichkeiten wahrzunehmen (!) und ersteinmal auszuhalten – ohne sie gleich zu bewerten. Wenn man so will bedeutet Ambiguitätstoleranz sich jenseits klarer Aussagen, eines klaren „Schwarz-Weiß“-Denkens aufzuhalten und akzeptieren zu können, dass das Leben aus Graustufen besteht, dass kein Mensch perfekt ist und alles auch eine Kehrseite hat. Der Volksmund würde sagen „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“. Es geht bei der Ambiguitätstoleranz nicht um die Auflösung des „Grau-Zustands“, sondern um die unvermeidliche Tatsache, dass es im menschlichen Bereich selten bis gar keine alles erklärenden Phänomene gibt. Unser Leben wurde nicht nur mit einem Pinsel gemalt. Vielfältige Erfahrungen, Gene, Umstände etc. führen dazu, zu sein, wer wir sind.

Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass intelligente Menschen eine höhere Ambiguitätstoleranz aufweisen (z.B. von Houtz et al., 1980), als weniger intelligente Menschen, was ebenfalls für das Bukowski-Zitat (und auch für den Dunning-Kruger-Effekt) spricht.

Warum schreibe ich das alles?

Es gibt für mich nur eine gesicherte Aussage auf dieser Welt: Wer eine einfache Antwort auf eine komplexe Frage hat, der gibt mit Sicherheit nicht die richtige Antwort.

Und genau das passiert auf dem Psycho- und Coaching-Markt (genau wie in der Politik…) sehr oft. Es wird ein Prinzip, eine Idee, ein Spruch zum Goldstandard erhoben, der dann der Schlüssel zum Erfolg, zur Persönlichkeitsentwicklung, zu unendlicher Ruhe und Zufriedenheit sein soll. Und das kann ich mit Sicherheit sagen, wenn Ihnen so etwas begegnet: Er ist es nicht. Es gibt nicht den einenWeg. Es gibt nicht den einen Schlüssel. 

Viele Wege führen nach Rom

Behalten Sie Ihre Ambiguitätstoleranz!
Lassen Sie sich nicht ein X für ein U vormachen!
Wenn Sie monatelang ein Problem haben und jemand (ein Coach, eine Psychologin, wer auch immer) Ihnen verspricht, dieses im Handumdrehen zu lösen, dann ist es nicht die Lösung. Es kann gar nicht die Lösung sein.
Jedes Problem ist individuell, es entsteht individuell und jeder von uns versucht es individuell zu lösen, manchmal kommt man dabei an eine Grenze, die Antwort liegt außerhalb des eigenen Lösungsraums. Aber es gibt immer mehrere Puzzleteile, die man zu einer Veränderung des Gesamtbildes braucht. 

Am hilfreichsten ist wohl der Coach, die Psychologin, wer auch immer, der weiß, dass viele Wege nach Rom führen, der unterschiedliche Angebote machen kann, die das Für und Wider mit Ihnen abwägt und aushält. Jemand mit Ambiguitätstoleranz.

Wer eine einfache Antwort auf eine komplexe Frage hat, der gibt mit Sicherheit nicht die richtige Antwort.
Nehmen Sie das Gegengift: Erinnern Sie sich an Charles Bukowski, an den Dunning-Kruger-Effekt, an dieses unaussprechliche Wort namens „Ambiguitätstoleranz“.

Frenkel-Brunswik, E. (1949). Intolerance of ambiguity as an emotional and perceptual personality variable. Journal of Personality, 18, 108-143.
Houtz, John C., et al. (1980). „Problem solving and personality characteristics related to differing levels of intelligence and ideational fluency.“ Contemporary Educational Psychology 5.2, 118-123.
Justin Kruger, David Dunning (1990). Unskilled and unaware of it. How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments.In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 77, Nr. 6, S. 1121–1134

5 Kommentare

  1. Interessanter Text, allerdings verstehe ich den Teil mit der Unsicherheitstoleranz nicht. Warum sollte eine erhöhte oder reduzierte Fähigkeit dazu führen kritischer oder unkritischer zu sich selbst zu sein?

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    1. Gute Frage, Danke! Ich versuche es mal klarer zu formulieren: Je höher meine Unsicherheitstoleranz, desto eher bin ich bereit zu sehen, dass es immer mehrere Auslöser oder Erklärungen für eine Problem/Thema gibt, desto weniger voreilige Schlüsse ziehe ich und desto kritischer (im positiven Sinne) gehe ich mit mir und anderen um. Wenn ich eine niedrige Unsicherheitstoleranz habe, ertrage ich nicht, dass es auch noch andere Möglichkeiten oder Sichtweisen geben könnte, ich will die eine haben, die eine, die alles erklärt – ich werde unkritisch im Sinne von Offenheit für andere Idee und kritisch im Sinne von es gibt nur die Eine richtige Sichtweise, nehme ausschließlich eine Option positiv oder negativ war und das wiederum führt zu einer sehr radikalen Sicht auf die Welt.
      Besser erklärt?

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      1. Jetzt verstehe ich es. Wenn undifferenziere Menschen lieber nur eine Ursache suchen, wäre es für ihr Weltbild und ihr Wohlbefinden auch verdammt verderblich, wenn die ganze Schuld nur bei ihnen liegt,

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