Bei Instagram habe ich einen neuen Hashtag entdeckt: #normalizepsychotherapy. Bisher kannte ich nur #normalizebreastfeeding und ich habe mich immer über die Fotos von Babies und Kleinkindern gefreut, über die Fotos von etwas so Natürlichem und auch Archaischem.

Als eine Kollegin eine psychotherapeutische Praxis in einem Mehrfamilienhaus eröffnen wollte, liefen die BewohnerInnen Sturm: Sie hatten Angst. Angst vor den „Verrückten“. Angst vor den „Irren“.

Die Aufklärung über psychische Erkrankungen, über die Menschen, die psychotherapeutische Behandlung brauchen, macht Fortschritte. Kleine Fortschritte.

#normalizepsychotherapy hilft hoffentlich dabei Menschen zu entstigmatieren, die so mutig sind, sich Hilfe zu holen. Es sind keine Monster, die in Psychotherapie sind, es sind Menschen. Menschen wie Du und ich. Ein Stigma bedeutet auf Griechisch „Wunde“ oder „Stich“, Stigmatisierung bedeutet, dass zusätzlich zu der psychischen Erkrankung auch noch erhebliche Vorurteile – teils durch Unwissenheit, teils durch Boshaftigkeit – dazu kommen.

Es gibt

  • staatliche Stigmatisierung, z.B. dass eine vorhergegangene psychotherapeutische Behandlung oftmals den Verbeamtungsprozess gefährdet,
  • Stigmatisierung durch Versicherungen, die bspw. keine (oder nur eine eingeschränkte) Berufsunfähigkeitsversicherung mehr mit den Betroffenen abschließen,
  • gesellschaftliche Stigmatisierung, indem Menschen mit Depressionen vorgehalten wird, sie sollten sich mal zusammenreißen oder sie wären faul; oder Menschen mit Schizophrenie gesagt wird, sie wären unberechenbar und gewaltbereit; oder indem Menschen ins Gesicht gesagt wird, sie wären nach ihrer psychischen Erkrankung in diese Abteilung „entsorgt“ worden.

Ich lebe im Jahr 2018 und das alles passiert so und so ähnlich jeden Tag. Psychische Erkrankungen können jeden treffen – auch mich. Ein Herzchirurg kann auch einen Herzinfarkt bekommen. So what? Ja, präventiv kann man vielleicht schon das eine oder das andere verhindern, aber aus unterschiedlichsten Gründen kann es jeden von uns erwischen. Kein Grund, sich besser, gesünder, erfolgreicher zu fühlen und jemanden zu belächeln, der oder die sich Hilfe holt. Mutig ist das. Sehr mutig.

Ich würde mir wünschen, dass dieser Hashtag von allen Therapeutinnen und Betroffenen, von Angehörigen und FreundInnen aufgegriffen wird. Als Psychologin über so einen Hashtag zu informieren hat immer den schalen Beigeschmack, wir würden für mehr KlientInnen sorgen wollen, die Psyche pathologisieren wollen, vielleicht um die Pfründe der eigenen Zunft zu sichern…

Das mag (vielleicht) für den einen oder die andere zutreffen, aber die meisten von uns sind hoffnungslos überlaufen, haben im Durchschnitt Wartezeiten von 19 Wochen. #normalizepsychotherapy ist keine „Werbung“ für Psychotherapie. Im Vordergrund steht vor allem die Hoffnung, dass sich unsere KlientInnen nicht mehr schämen, wenn sie an unserer Tür stehen, dass sie ihre Psychotherapie nicht mehr verheimlichen, sondern offen und stolz mit ihrer inneren Arbeit umgehen können. Dafür steht für mich #normalizepsychotherapy. Für die Anerkennung des Mutes, den es braucht, sich für etwas „Unsichtbares“ Hilfe zu holen.

4 Replies to “#normalizepsychotherapy”

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