Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft für hochleistende 20-30 Jährige, die bereit sind Opfer zu bringen und Opfer bringen. Das wird belohnt. Man ist erfolgreich, man schafft es aus der WG in die eigene Wohnung und dann in die Eigentumswohnung.

So zwischen 20 und 30 ist man hochleistend, gut aussehend, intelligent und humorvoll. Quasi auf dem Höhepunkt der eigenen Leistungsfähigkeit ungebremst von Kindern und alten Eltern. Und man denkt vielleicht auch: Alles ist möglich. Familie, Kinder, Pflege, BAM, man kann alles vom Leben haben. Das flüstert einem der Lean-Geist des 21. Jahrhunderts zu.

Leider bleibt man nicht sein ganzes Leben zwischen 20 und 30. Jenseits der 30 kommen die Grenzen. Die Grenzen des Lean-Geistes unserer Gesellschaft. Ab da geht es nämlich nach den Vorstellungen eben dieses Geistes bergab. Steil bergab. Unsere Gesellschaft basierend auf dem Mythos des ewigen Wachstums kommt mit dem Thema Kinder, Krankheit, Pflege, Alter, Einschränkung, Ruhephase einfach nicht gut zurecht.

Dabei könnte sie es besser wissen. So viele über 30 Jährige wie jetzt gab es noch nie. Erstaunlich, dass wir uns selbst so demontieren, dass wir es wirklich zulassen, ja, danach streben lean zu sein. Dass das 24/7 in weiten Teilen unserer Gesellschaft immer noch auf Platz 1 der Lebensstile rangiert.

Spätestens mit Kindern fängt sie an, die Suche nach Balance, die ganz häufig eher ein Drahtseilakt, denn ein Balanceakt ist.

Spätestens mit Kindern kommt die Erkenntnis, dass man mit dem Kind Krankheiten bekommt, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Dinge, wie Hand-Mund-Fuß. Dass man eine Eintrittskarte für’s Krankheitskarussel ungewollt zugelost bekam. Dass ab November alle der Reihe nach Magen-Darm, Schnupfen und Husten bekommen und wenn es fertig ist, alle wieder von vorne anfangen.

Mit Anfang 30 lernt man dann,

  • dass gleichberechtigtes Arbeiten nicht bedeutet das Kind von 7-17h in die Kita zu stecken (und das ist wirklich ein Luxusproblem zweier Akademiker).
  • dass die traditionellen Rollenbilder einen ruckzuck von hinten anfallen und niederstrecken.
  • dass Kinder häufiger als die 10 vielleicht vom Arbeitgeber genehmigten Krankheitsbetreuungstage krank werden.
  • dass man das zu spüren bekommt, wenn man nicht mehr nur an seinem Arbeitsplatz hochleistet, sondern auch noch zu Hause Verantwortung trägt. Dass das den Lean-Geist der Gesellschaft aber nicht interessiert.
  • dass wenn der Mann die Krankheitsbetreuung des Kindes übernimmt, er ernsthaft gefragt wird, warum das nicht seine Frau macht.
  • dass Männer anscheinend immer besser ausgebildet sind und mehr verdienen und die Frauen deswegen ganz logischerweise zu Hause bleiben.
  • dass Frauen Führungspositionen in Teilzeit haben können, aber Männer für eine Führungsposition Vollzeit arbeiten müssen. Das macht ja nach dem alten patriachalen System auch total viel Sinn.

Wenn man Kinder hat, fühlt man sich manchmal wie ein minderwertiger Teil unserer Gesellschaft. Wenn man körperlich oder psychisch krank wird, fühlt man sich wie ein minderwertiger Teil der Gesellschaft. Wenn man sich die  älteren Menschen in unserer Gesellschaft anschaut, wird das auch nicht besser. Denn selbst, wenn man keine Kinder hat, haben doch die meisten von uns Eltern. Und Eltern werden irgendwann auch alt. Alt und manchmal auch krank. Und dann lässt es sich auch nicht mehr so gut hochleisten, wenn man sich plötzlich um die alten, kranken Eltern kümmern muss.

Natürlich kann man all diese Dinge auch outsourcen, ausgliedern, nach außen verlegen. Die Kinder in die Ganztagsbetreuung (bleibt das Problem mit dem Krankheitskarussel und den manchmal unlustigen Nächten), die Eltern ins Pflegeheim. Da freut sich dann der Geist unserer lösungs-, wachstums- und leanorientierten Gesellschaft. Er reibt sich die Hände und schüttet sich einen gewaltigen Bonus aus.

Oder wir treten dem Lean-Geist unserer Gesellschaft mal so richtig ordentlich in den Hintern.

Das macht zum Beispiel die „New Work“ Bewegung. Relativ unaussprechliches Wording, aber die Gegenbewegung zu dem gierigen Hochleistungsgeist unserer bisherigen Gesellschaft.

Woher kommt der Lean-Geist unserer Gesellschaft?

Aus der patriachalen Geschlechtertrennung. Als Haus und Hof noch getrennt waren vom Arbeitsplatz, da gab es keine Kranken, Alten und Kinder in den Büros. Es kamen ja nur die gesunden, ausgeschlafenen Männer. Die übernächtigten, versorgenden Frauen und ihre Kinder blieben ja zu Hause.

Das Problem begann mit der Emanzipation der Frau. Mit der Idee, der Arbeitsmarkt könnte auch etwas mit den Frauen anfangen. So eine dumme Idee. Denn mit der Emanzipation der Frau, mit der Bildungsoffensive, mit dem Sharing von Arbeit und Haushalt kam vielleicht noch Leistung dazu, aber gleichzeitig kamen die Viren und die Bakterien nun auch zu den hochleistenden Männern.

Wir bekommen die Frauen nicht in die Arbeitswelt ohne eine echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Das heißt ohne, dass wir dem Lean-Geist der patriachalen Gesellschaft erklären, dass mit dem Öffnen der Büchse der Pandora sowohl Vielfalt, gesamtgesellschaftlich mehr Leistungsfähigkeit, aber eben auch Krankheit, Sorge und Pflege Einzug in die Büros erhalten.

Vom Lean-Geist zum New-Work-Geist

Wir befinden uns mitten in einem Paradigmenwechsel. Mit dem Lean-Geist stoßen die klassischen Unternehmen vollständig an ihre Grenzen. Mit der Gleichberechtigung der Frau kommt nicht nur die Frau auf den Arbeitsmarkt und die Lean-Karriere des Mannes bleibt unangetastet. Nein, mit der Gleichberechtigung der Frau, Familienarbeitszeiten, Work-Life-Balance verändern sich ganz selbstverständlich auch die klassischen Karrierestufen des Mannes. Ziel ist es nicht, dass LebenspartnerInnen auch die Lean-Karriere anstreben, sondern Ziel ist es eine neue Idee von Arbeit, eine neue Idee von Work und Life, eine neue Idee von Kind und Karriere zu entwickeln, die eine Balance darstellt. Eine neue Teilhabe an der Gesellschaft, eine neue Gesellschaft – nicht nur für 20-30 Jährige. Das ist die wohl größte Herausforderung der heutigen Arbeitswelt: zu erkennen, dass die Büchse der Pandora unwiederbringlich geöffnet ist. Heureka!


Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form bei Edition F erschienen:
Kinder, Pflege, psychische Gesundheit – die Arbeitswelt braucht einen Paradigmenwechsel

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