Unsere Gesellschaft hat ein Problem. Das Problem hat verschiedene Namen: Wachstum, Zunahme, Steigerung, Effektivität, Effizienz. Das Problem spült zunehmend Menschen in die psychologischen Praxen. Weil es gegen ein Naturgesetz verstößt.

Alles was wächst, braucht auch Ruhephasen, Stillstand, Kraftsammeln.

Jede Pflanze, jedes Tier, jeder Mensch, weiß, dass das Leben eine Abfolge aus Wachsein und Schlafen ist. Dass es nach dem Wachstum auch Stillstand geben muss.

Wächst ein Organismus ausschließlich – ist er wie Krebs.
Wächst ein Organismus gar nicht – skelettiert er.

Der Mythos vom ewigen Wachstum

Das ewige Wachstum hat unsere Arbeitsgesellschaft fest im (Würge-)Griff.

  • Das sind die Zahlen, die zum Abschluss des Geschäftsjahres erreicht werden müssen.
  • Das sind die Zahlen, die in Krankenhäusern erreicht werden müssen (diesen Monat brauchen wir noch einen Herzinfarkt)
  • Das sind die Zahlen, die die PolizistInnnen erreichen müssen (noch drei Führerscheine heute Abend, damit die Quote stimmt)
  • Zahlen, Zahlen, Zahlen.

Die Zahlen werden immer größer. Sie bleiben nicht gleich. Sie werden immer größer, größer, größer. Krebs.

Das ewige Wachstum als Leitbild unserer Arbeitsgesellschaft ist pervers. Das ewige Wachstum als Leitbild unserer Arbeitsgesellschaft ist schon schlimm genug. Schlimmer ist, dass es sich in unsere Beziehungen schleicht, ja, frisst, sie zerfrisst und dann zerfressen wieder ausspuckt. Dass das Fördern und Fordern, das effektiv sein, das effizient sein, das eine bessere Zeit miteinander haben, das schneller, weiter, öfter, vor unseren Familien und FreundInnen keinen Halt macht.

Da wird das Gespräch mit dem Kind „effizient“ geführt, da wird der Ballettunterricht abgebrochen um noch zum Tennis zu fahren. Da wird das Eheversprechen „In guten wie in schlechten Zeiten“ zu „In guten und in besseren Zeiten“. Da werden die Kinder ökonomisch einwandfrei in durchschnittlich 8 Stunden geboren. Zahlen, Zahlen, Zahlen.

Das ewige Wachstum unserer Arbeitsgesellschaft hat ein neues Lieblingsspielzeug. Die Digitalisierung. Jeder ist jederzeit erreichbar. Das ist ein wunderbares Mittel um jederzeit auf seine Arbeitssklaven zurückgreifen zu können.

Ernsthafte Frage: Wann hatte ich das letzte Mal mein Smartphone 24 Stunden aus? Wann war mal Stillstand? Ruhephase? Pause? Erholung? Nicht „effiziente“ Erholung, sondern einfach nur Erholung. Nicht effizienter Urlaub, sondern einfach nur Urlaub.

Unsere Gehirne werden umprogrammiert. Ewiges Wachstum und sofortige Bedürfnisbefriedigung. Das allein ist schon ein Thema für sich. (Keine Sorge, dazu werde ich noch einmal gesondert kommen.)

Woran merke ich das ewige Wachstum in der psychologischen Praxis?

  • Das ewige Wachstum merke ich an der Verstörung, wie lange ein Trauerprozess gehen kann.
  • Das ewige Wachstum merke ich an der Idee, dass Partnerschaftqualität und -zufriedenheit von selbst kommen.
  • Das ewige Wachstum merke ich an der Vorstellung, dass Sexualität sich entweder „natürlich“ einstellt, oder wir dringend den Partner oder die Partnerin wechseln sollten, weil es ja unnatürlich ist, dass man dafür etwas tun muss. Das ewige Wachstum wächst ja von selbst.
  • Das ewige Wachstum merke ich an der Idee, dass wenn wir rational weiterkommen, also etwas verstanden haben und es nunmehr wissen, ja etwas bei uns schieflaufen muss, wenn wir emotional nicht weiterkommen. Mit den Gefühlen stimmt etwas nicht, wenn unser Gehirn das doch so wunderbar durchdacht hat. Eh klar.

Mit unseren Gefühlen stimmt eine ganze Menge

Mit unseren Gefühlen stimmt eine ganze Menge. Heureka! Weswegen ich froh bin, dass die Gefühle die Menschen in die Psychologischen Praxen spülen.

  • Unsere Gefühle lassen sich nicht vom goldenen Kalb des ewigen Wachstums täuschen.
  • Unsere Gefühle führen zu einer Gegenbewegung.
  • Unsere Gefühle führen zum Hinterfragen dieser gesellschaftlichen Entwicklungen.
  • Unsere Gefühle und unsere Lebenserfahrung.
    • Wer an seinem eigenen Körper spürt oder bereits gespürt hat, dass es kein ewiges Wachstum gibt, genauso wenig wie es ewige Jugend gibt (ich sage bewusst nicht ewige Schönheit!),
    • wer das erste Mal gespürt hat, dass eine Beziehung zu führen bedeutet auch in schlechten Zeiten, in wirklich richtig schlechten Zeiten, füreinander da zu sein.
    • Der beginnt vielleicht leise, still und heimlich das ewige Wachstum in Frage zu stelle…

Leise, still und heimlich. Und dann lauter und immer lauter…

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