Beziehungsüberwachung: Kontrolle versus Vertrauen

Stell Dir vor, Du hast ein schmuckes Häuschen am Waldrand. So eins mit dunkelgrünen Fensterläden, Sprossenfenster, Echtholztüre, Bauerngarten… Nicht Dein Stil? Dann in Berlin, ein Loft, Bauhaus, große bodentiefe Fenster…

Und jetzt stell Dir vor, Deine Beziehung ist genauso wie dieses schmucke Häuschen, oder wie das Loft in Berlin. Weil Du so ein schönes Häuschen hast, willst Du es natürlich schützen. Immerhin liegt es am Waldrand, oder in bester Lage oder es ist so wertvoll eingerichtet, dass es sich lohnt, es zu schützen. Du lässt Dich beraten, kaufst die teuerste Sicherheitstechnik, Überwachsungskameras, die natürlich direkt mit Deinem Smartphone verbunden sind, Du kannst die Fenster verriegeln und die Fensterrahmen abschließen, den Riegel vorziehen, ein Schild montieren „Vorsicht, bissiger Hund“. Das könnte Dein Häuschen vielleicht schützen. Vielleicht freuen sich die Einbrecher aber auch über den Hinweis, dass es da wirklich was zu holen gibt. Wer weiß.

Die Übertragung der Sicherheitseinstellungen unseres Eigentums auf unsere Beziehung scheint logisch: wenn man durch die Installation einer Alarmanlage oder einer Überwachungskamera Einbruch und Diebstahl vielleicht sogar verhindern, aber zumindest erschweren kann, warum nicht auch Überwachungskamera und Alarmanlage in der Beziehung installieren?

Wie haben denn damals die Beziehungen funktioniert, als man sich noch von Angesicht zu Angesicht verabreden musste, als man noch tagelang neben dem Telefon saß um auch ja keinen Anruf zu verpassen? Wie haben denn damals die Beziehungen funktioniert, als man noch nicht per Kurznachrichtendienst daueransprechbar war, als noch kein Standort geschickt geschweige denn geteilt werden konnte. Damals, als man sich noch vertrauen musste ohne die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, die Dauerüberwachung. War das überhaupt möglich?

Die schlechte Nachricht ist, dass das was unter Umständen die Einbrecher von unserer Wohnung abhält, in unseren Beziehungen psycho-logisch völlig andere Auswirkungen hat. Das liegt vielleicht zunächst grundsätzlich daran, dass Menschen in einer Beziehung kein Eigentum sind und andere Menschen keine Einbrecher.

Aber da schleicht sich ein Denkfehler in unsere Beziehungskultur, der sich katastrophal auf die Gefühlswelt auswirkt. Die vermeintliche Kontrolle des Smartphones, die Standortfreigabe, die totale Transparenz basierend auf Misstrauen zerstören eine Beziehung schneller als man schauen kann. Kontrolle und Vertrauen schließen sich in zwischenmenschlichen Beziehungen leider aus.

Ihr habt trotzdem das Bedürfnis Euer schmuckes Beziehungshäuschen, Euer stylisches Beziehungsloft, die wertvollen Beziehungsschmuckstücke zu schützen?

Dann hört mit der Überwachung auf und fangt mit dem Reden an.
Fangt an über Eure Gefühle, Eure Ängste, Eure Beziehung, Euer Leben, Eure Sorgen und Nöte, Freuden und Lieben, Eure Bedürfnisse zu reden.

Ihr wollt Überwachen? Dann fangt an ehrlich zu reden. Reden ist Beziehungsüberwachung. Ich würde es lieber „Beziehungsachtsamkeit“ nennen. Ehrliches Reden hilft. Ehrliches Reden ist die beste Art herauszufinden, wie ihr Euer schmuckes Häuschen und Euer lauschiges Loft in Schuss haltet. Denn Beziehung ist Arbeit. Arbeit, ja – Reden, ja – Überwachung 24/7, nein.

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