Beziehungsmärtyrer: Zwischen Nähe und Distanz

Eine Beziehung ist ein Tanz – zwischen Nähe und Distanz. Aber was ist der Unterschied zwischen “guter” und “schlechter” Distanz, zwischen “kalter” und  “warmer” Distanz, zwischen „kranker“ und „gesunder“ Distanz?

Kalte Distanz

Ungesunde Distanzierung besteht vor allem aus Rückzug. Rückzug wiederum ist einer der apokalyptischen Reiter, die den Untergang einer Paarbeziehung einleiten. Kalte Distanz und Rückzug kommen häufig mit dem Gefühl daher,

  • dass man bereits alles gesagt hat.
  • dass man bereits alles gemacht hat.
  • dass es sinnlos ist es nochmal und nochmal und wieder und wieder anzusprechen.
  • dass man es gerne ändern würde, es aber dem anderen nicht zumuten kann.
  • dass man es sich in seiner Beziehungs-Märtyrer Rolle häuslich eingerichtet hat.

Kalte Distanz und Rückzug haben mit Aufgeben zutun. Schachmatt. Ungesunde Distanzierung und Rückzug werden nicht angekündigt. Sie sind die innerliche Kündigung der Paarbeziehung. Auf dem Papier sind wir noch zusammen, aber innerlich ist da nicht mehr viel, ach, innerlich ist da eigentlich nichts mehr, Leere.

Wie komme ich aus der kalten Distanz heraus?

Wenn ich feststelle, dass ich meine Beziehung innerlich gekündigt habe, dass ich alles getan habe, um das Ende zu verhindern, dass ich alles getan habe um meine Bedürfnisse dem anderen klarzumachen und diese Bedürfnisse ignoriert werden, ja, wenn…

Dann muss ich mich entscheiden. Um aus kalter Distanz herauszukommen muss ich mich bewusst entscheiden,

  • ob ich es akzeptieren kann, dass meine Beziehung genau so ist, dass mein Bedürfnis oder mehrere meiner Bedürfnisse nicht befriedigt werden.
  • ob ich sehen kann, dass dafür andere meiner Bedürfnisse befriedigt werden.
  • ob das für mich ausreicht wieder ein klares “Ja” für meine Beziehung zu finden.
  • Ob ich bereit bin, den Preis zu zahlen.

Und ich muss Herr über meine Entscheidung werden indem ich zu dem Schluss komme, dass mir meine Bedürfnisse oder mein Bedürfnis wichtiger sind als meine Beziehung. Aus kalter Distanz kommen wir heraus, indem wir uns einer Entscheidung stellen.

Gesunde Distanz

Jedes Paar braucht Luft zum Atmen, besonders schön hat das Khalil Gibran in seinem Text über die Ehe formuliert:

“Aber lasst Raum zwischen euch.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.
(…) Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.”

Gesunde Distanz bedeutet den Raum zwischen einander immer wieder neu zu verhandeln. Es gibt immer einen, der mehr Nähe will und immer einen, der mehr Distanz braucht. Häufig bestimmt der die Nähe, der die größere Distanz braucht. Es gibt dabei gute Distanzierungsmöglichkeiten und schlechte. Rückzug ist einer der schlechteren Wege, er ist einseitig, unilateral und verläuft meist unkommuniziert, heimlich, still, manchmal auch sehr laut. Derjenige, der sich zurückzieht schweigt entweder oder schreit. Gesunde Distanzierung ist weder einseitig noch provokativ. Gesunde Distanzierung basiert auf einer Erklärung und dem Versprechen Zurückzukehren. Man wirft nicht im Streit die Tür zu und verlässt das Haus, man installiert einen “Time-Out”. Auf die Frage “Willst Du mit mir reden?” kommt nicht die Antwort “Nein!”, sondern “Nein, nicht jetzt, weil…”. Der Ablauf von verantwortungsvoller Distanzierung basiert auf

  • einem klaren: Nein.
  • einer Erklärung: Deshalb sage ich Nein.
  • einem Alternativangebot: Später kann ich mit Dir darüber reden.

Gesundes Distanzieren ist ein Akt der Selbstfürsorge, der die Beziehung respektiert. Im Herzen einer guten Beziehung steht der Leitsatz, dass Selbstfürsorge die Beziehung verbessert. Niemand sollte seine Bedürfnisse, seine Ideen und seine Gefühle aufgrund von Frustration, Wut oder Verletzungen verleugnen.

Ist da irgendwo ein Groll? Dann arbeite entweder an Deiner (vollständigen) Akzeptanz oder geh zurück an den Verhandlungstisch und kämpfe für das, was Dir wichtig ist. Hör auf ein Beziehungs-Märtyrer zu sein. Führe eine Beziehung!


Dieser Text ist sehr inspiriert von dem wunderbaren Buch von Terry Real “The new rules of marriage”.

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