Ritzen – Im Darknet der Psyche

Ritzen – Im Darknet der Psyche

Gestern las ich einen Artikel in der Zeit „Instagram ist das Netzwerk der guten Laune“. Ich bin Psychologin. Ich kenne die Pro-Ana Foren in denen sich magersüchtige Menschen gegenseitig zu noch mehr Magersucht anstacheln. Ich bin privat schon lange bei Instagram. In meiner therapeutischen Arbeit rede ich oft über die Auswirkungen von Instagram und Co. Über die Auswirkungen dieses offensichtlich so tollen Lebens. Die bunten Bilder, die süßen Kinder, die lustigen Kätzchen, die coolen Locations.

Ich las den Artikel in der Zeit über den Hashtag #ritzen bei Instagram. Genauso wie ich mir die Pro-Ana Foren angeschaut habe, wollte ich auch sehen, was dort beschrieben wird. Ich gebe also nicht irgendeinen lustigen Hashtag in die Instagram-Suche ein, sondern nutze #ritzen. Nach dem Warnhinweis von Instagram, dass man nun Dinge sehen wird, die einen unter Umständen verstören und der Möglichkeit Hilfe zu holen, komme ich ins gefühlte Darknet der Psyche. Unzählige Wunden, Schnitte, Sprüche. Ein Paralleluniversum, ein anderer Planet. Ich bin Psychologin, für mich ist das nicht neu. Und trotzdem ist es eine andere Erfahrung, diese Bilder unter dem lustigen Instagram-Logo zu sehen, in dem Feed in dem ich sonst mit anderen Bildern und Themen konfrontiert bin. Soviel Leid, soviel Not, soviele Schreie verborgen hinter einem Warnhinweis.

Was ist Ritzen?

Ritzen gehört zu den selbstverletzenden Verhaltensweisen. Häufig werden Arme und Beine „geritzt“, am häufigsten der linke Unterarm bei Rechtshändern und der rechte Unterarm bei Linkshändern. Ritzen ist nicht die einzige Form der Selbstverletzung. Dazu gehören auch das Schlagen des Kopfes an Wänden oder Gegenstände, Faustschläge gegen harte Gegenstände, schweres Nägelkauen etc. Ritzen findet häufig im Verborgenen statt. Es ritzen sich besonders oft (jugendliche) Mädchen und Frauen.

Warum Ritzen?

Die Gründe sind so vielfältig, wie die Menschen, die sich ritzen. Manche ritzen sich weil,…

  • sie sich selbst bestrafen wollen.
  • sie sich selbst belohnen wollen.
  • sie wieder etwas fühlen wollen.
  • sie die psychischen Schmerzen nicht mehr aushalten und lieber körperlich etwas spüren wollen.
  • sie „es“ nicht mehr aushalten.
  • sie sich daran gewöhnt haben.
  • sie wieder angefangen haben.
  • sie Stress haben.
  • sie sich unendlich einsam fühlen.
  • sie sich unendlich hilflos fühlen.

Manche Gründe mögen zynisch klingen, das Verhalten ist trotzdem ernst.

Hilfe?

Nicht ignorieren. Hinsehen. Sich selbst Hilfe holen um den Betroffenen Hilfe zu ermöglichen. Hilfe anbieten. Eigene Grenzen der Hilfsmöglichkeiten kennen. Fragen stellen, ohne zu verurteilen. Ins Gespräch kommen. Die Ursachen erforschen. Sich selbst kennen. Herausfinden, wie das eigene Leben sein müsste, um so etwas zu tun. Nicht vorverurteilen.

Konkrete Hilfen:

Telefonseelsorge

Nummer gegen Kummer

Psychologische Beratungsstellen

Spezielle Hilfe für Angehörige:

Rote Linien

Psychologische Beratungsstellen

…und viele mehr…

3 Kommentare

  1. Hallo,
    das ist wirklich ein ernstes Thema. Und viele, besonders Außenstehende, sind da meist ratlos und reagieren nicht selten mit Unverständnis. Da sie es oftmals nicht verstehen.
    Bei mir hatte es damals auch in der Jugend begonnen und sich als Bewältigungsstrategie mit ins Erwachsenenalter fortgesetzt.
    Skillstraining im Zuge von DBT hat mir da sehr geholfen.

    LG

    Liked by 1 person

      1. Das stimmt. Mehr Aufklärung wäre wirklich sinnvoll. Denn oft ist es ein Thema, das mitunter mit viel Schweigen verbunden ist (so zumindest meine persönlichen Erfahrungswerte).
        Ja, es hat mir sehr geholfen. Wobei es trotzdem von Zeit zu Zeit immer wieder gewisse Trigger geben wird.
        Ein Freund von mir absolviert momentan stationäre DBT. Ich hoffe, dass es ihm ebenso helfen wird.

        LG

        Like

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